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     December 12, 2019 14:41 CET
 


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Leserbrief-Beantwortungen als Traum

Wie sattelt man ein "Pferd" auf, indem man die Aufgabe übernehmen möchte, für eine Zeitschrift "Leserbriefe" zu beantworten. Ich hoffe die Frage ist nicht zu schwierig für Sie. Ich wäre Ihnen für jeden kleinen Hinweis sehr dankbar. Es wäre natürlich auch wunderbar, verschiedene Beiträge zu erstellen oder ganz einfach über das Leben zu schreiben - mit all den wunderbaren Facetten, das es uns bietet.
Marion Musenbichler, FL-9497 Triesenberg

Antwort: Früher hielt sich fast jedes Medium seinen Briefkastenonkel oder seine Briefkastentante. Am Schweizer Radio Beromünster (so hiess DRS früher) hörte ich in den 50er-Jahren jeweils gespannt zu, wenn der Briefkastenonkel Fritz Schäufele mit totaler Kompetenz die kniffligsten Fragen klar und eindeutig zu beantworten wusste. Wenn gerade keine spektakulären Fragen eingetroffen waren, erklärte er wieder einmal die Entstehung des Blitzes. Das kommt immer gut an. Wie konnte ein einzelner Mensch auch nur so viel wissen! Ich musste nur staunen. Bei meinen beruflichen Tätigkeiten lernte ich bald einmal, dass das beste Wissen darin besteht, die Quellen zu kennen. Klug suchen!

Heute betätigen sich viele Konsumentenzeitschriften als Beratungsorgane, indem sie Produkte vergleichen und qualifizieren. Das sind wertvolle Dienstleistungen für Kaufwillige. Auch viele Zeitungen und Zeitschriften pflegen Ratgeberteile. In der Regel läuft es so, dass die speziellen Fragen von der Redaktion den entsprechenden Fachleuten zur Beantwortung unterbreitet werden. Der seit Januar 1927 existierende "Beobachter" (ehemals "Der schweizerische Beobachter") ist eine Mischung zwischen einer Konsumentenschutz- und Ratgeberzeitschrift mit Kochrezepten und beliebigen anderen Reportagen, die sich auch mit den Patientenrechten und dergleichen befasst (www.beobachter.ch). In den britischen Medien werden viele Fragen in Ratgeberform beantwortet; die Ratgeber-Form (manchmal mit konstruierten Fragen) ist eine der gebräuchlichen journalistischen Formen. Die Zeitschrift "Cosmo Girl", die für Mädchen bestimmte Spezialausgabe von "Cosmopolitain", hat einen 16-jährigen Knaben als "Experten" engagiert. Die "Zeit" (25-2001) schrieb dazu: "Der hat sich bereits durch eine Beziehungskolumne in einer Tageszeitung profiliert und kann, selbst wenn er kein Frauenversteher sein sollte, wenigstens bei der wichtigsten Frage helfen: Warum sind Jungs eigentlich so doof?"

Gedruckte und digitalisierte Publikationsorgane, die für die Anliegen ihrer Nutzer offen sind, wissen auch, wo überall die Schuhe drücken, und sie erhalten also wertvolle Impulse für ihr publizistisches Schaffen. Anderseits dürfen Ratgeberteile nicht zu Werbezwecken instrumentalisiert werden, also verkappte Werbung sein. Viele Leser haben ein gutes Gespür für getarnten Kommerz und reagieren mit dem Entzug des Vertrauens.

Wie kann man in diesem Bereich tätig werden? Da gibt es kein Patentrezept. Sie müssen sich die Zeitschrift aussuchen, die sich einigermassen auf Ihrer Linie befindet und sich mit den Ihnen zusagenden Themen behandelt. Dann würde ich dieser schreiben, Ihr Anliegen impulsgebend begründen und vielleicht einige Arbeitsproben beilegen. Es handelt sich im Prinzip um nichts anderes als um eine normale Stellenbewerbung, wenn vielleicht auch nur als Teilzeitarbeit oder die Erfüllung von Aufgaben im Auftragsverhältnis.

Der Beruf des Briefkastenonkels ist nicht gefahrenfrei, wie dem 1933 erschienenen Roman ,,Miss Lonelyhearts" des Amerikaners Nathaniel West entnommen werden kann. Im Zentrum dieses Buches steht ein junger Journalist, der als Briefkastenonkel unter dem Pseudonym Miss Lonelyhearts Leserbriefe für eine New Yorker Tageszeitung zu beantworten hat. Er zerbricht an der Fülle von Leid, das in den oft hilflos formulierten Briefen, die ihn erreichen, zum Ausdruck kommt. Er musste auch als Klagemauer und Kummerkasten dienen und hatte es nicht nur mit den wundervollen Facetten des Lebens zu tun.

Und so elegant wie die berühmte Witz-Frage an den Briefkastenonkel, ob man tatsächlich aus Liebe verrückt werden könne ("Ja, sonst würde niemand heiraten"), lässt sich nicht alles beantworten. Oder diese: "Mein Freund erscheint immer unrasiert zu unseren Treffen. Was soll ich denn tun?" - Antwort: "Bitte lassen Sie ihn in Zukunft nicht mehr so lange warten."
Eine spontane Antwort.

Oft sind Antworten nur nützlich, wenn sie innert kurzer Zeit gegeben werden können, wie das beim Textatelier üblich ist – ohne Qualitätseinbusse.

wh.

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