Textatelier
BLOG vom: 17.10.2009

Die Post und ihre Kunden: Ganz persönliche Geschichten

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Erst als ein Betrag von über 700 Franken genannt wurde, hörte ich hin. Ich wusste nicht, ob der Pöstler einen Scherz machte oder ob das Paket, das er überreichen wollte, so viel Wert war. Der Coiffeur stutzte. Er fühlte sich offensichtlich überrumpelt. Woher das Paket stamme? Der Bote nannte den Ort. Wo das sei? Auch diese Frage wurde korrekt beantwortet. Die Anschrift wurde überprüft. Sie stimmte. Der Absender entpuppte sich dann als der bekannte Lieferant, jedoch mit der Adresse einer neuen Auslieferungsstelle. Der Coiffeur war immer noch unsicher. Man müsse vorsichtig sein, sagte er wie zu sich selbst. Gerne hätte er das Paket geöffnet und den Inhalt überprüft und erst dann bezahlt. Aber das ist bei einer Sendung „gegen Nachnahme“ nicht zulässig.
 
Der freundliche Paketzusteller hatte Geduld, liess dem Kunden anständig viel Zeit zum Überlegen. Ich hörte, dass er die Sendung schon am Morgen habe bringen wollen. Das Geschäft war noch geschlossen. Inzwischen war der Kunde bereit, die „Nachnahme“ zu akzeptieren. Es wurde bezahlt und unterschrieben. Nachdem der Coffeur seine Neugierde gestillt, das Paket geöffnet und sich vergewissert hatte, dass die Lieferung seiner Bestellung entsprach, entschuldigte er sich bei mir, dass der Haarschnitt unterbrochen worden sei. Dafür hatte ich Verständnis. Für mich kein Problem. Geschichten rund um die Post sind immer willkommen, verweisen sie doch auf eigene Erfahrungen und auf meine Beheimatung in dieser Institution. Und zudem habe sich dieser Pöstler mustergültig verhalten, fand ich.
 
Ich erinnerte mich augenblicklich an Episoden meiner Mitarbeit als Aushilfspöstlerin. Obenauf schwang die folgende: In Zürich-Wipkingen trug ich die Samstagspost aus. Da kam aus einer Seitenstrasse im Umfeld der Nordstrasse ein Mann auf mich zu und fragte, ob ich informiert sei, dass Familie Sch. keine Post mehr annehmen könne. Er sprach aufgeregt und wiederholte es mehrmals, dass alle Post zurückgewiesen werde. Ich wusste nicht, wovon er sprach, dachte, vielleicht habe diese Familie einen Todesfall gehabt und werde möglicherweise von allerlei Schulden überrascht. Der Mann doppelte nach und sagte, lauter als vorher: „Mached sie mit öisere Poscht, was sie wänd. Rüered si diä doch eifach i Dolen abe!“ (Machen sie mit unserer Post, was sie wollen. Werfen sie diese doch einfach in den Ablauf der Strassenkanalisation!)
 
Unmöglich. So etwas komme nicht in Frage. Er liess nicht locker, und ich wiederholte den Widerstand. Aber auf einmal lachte er liebenswürdig und gestand: „Alles erstunken und erlogen. Ha-ha!“ Ich lachte mit. Später, wenn wir einander wieder begegneten, winkte er schon von weitem und schmunzelte. Manchmal blieben wir einen Augenblick stehen, und er erzählte irgend etwas. Er war alleinstehend, pensioniert. Das Leben war viel zu ruhig geworden. Darum hatte er das beschriebene kleine Spiel inszeniert.
 
Am Samstag vor Weihnachten dann stand er an derselben Stelle und hielt mir ein Geschenk hin: Ein paar Weihnachtsguetzli, ein kleiner Tannenzweig und eine sehr schöne, von ihm selbst gestaltete Glückwunschkarte.
 
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