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BLOG vom 09.12.2015


Brigitte Degler-Spengler, eine stille grosse Gelehrte

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH


 

Dr. Dr. hc. Brigitte Degler-Spengler

Dr. Dr. hc. Brigitte Degler-Spengler
 

Brigitte Degler-Spengler, geboren in Mecklenburg am 5. April 1941, aufgewachsen im Saarland und in Rheinland-Pfalz, verstorben in der Nacht von Samstag auf Sonntag am letzten Novemberwochenende in Basels Claraspital, wo die Krebskranke kurz zuvor als Notfall eingeliefert worden war, gehörte in Sachen Erforschung der heiligen Orte und Plätze der Schweiz, zu den Kennerinnen von Rang. Dass sie in die Welt des Mittelalters eingearbeitet war wie wenige, auch die Barockzeit über das 19. Jahrhundert auf dem Weg zur Gegenwart auf beinahe existentielle Weise präsent hatte wie wenige, blieb nichtsdestoweniger kaum bekannt. Der Satz von Erwin Jaeckle, dass die grösste Liebe die Sachlichkeit sei, traf auf sie in vorzüglicher Weise zu.

Das plötzliche Ableben nach der etwa acht Monate andauernden schweren Krankheit überraschte zumal diejenigen, die ihre jeweils höchst exakten Aufsätze in Fachzeitschriften und ihre Eigenbeiträge in der von ihr während vieler Jahre redigierten „Helvetia Sacra“ gelesen hatten, einem bis anhin in seiner Gründlichkeit unerreichten Sammelwerk.„Eine Frau mit offener Perspektive für spirituelle Sachverhalte“, kommentierte Mystik-Kenner Alois M. Haas sichtlich gerührt. Die Todesmeldung betraf eine Forscherin, wie sie im Universitätsbetrieb, wo weder Latein noch Handschriftenlesen vorausgesetzt werden können, kaum mehr möglich ist. Eine leise Stimme, für den Flüsterton der Lesesäle und Arbeitsräume in den Archiven besser geeignet als fürs Fernsehen. Früher mal verheiratet, galt ihr Leben kompromisslos dem Dienst der Wissenschaft. Ihre unvergleichliche Übersicht über Orte und Stätten des geistlichen Lebens in der Schweiz ist niedergelegt in 22 von ihr herausgegebenen Bänden von „Helvetia“ Sacra“, einem Grossprojekt, das nicht etwa – wie vielfach vermutet – von der Bischofskonferenz finanziert war. Dahinter stand der Bund mit seinem Nationalfonds für wissenschaftliche Forschung.

Selber doktorierte die Pfälzerin nach Abitur in Landaus Gymnasium der Englischen Fräulein in Basel über die Clarissen-Nonnen des ehemaligen Klosters Gnadental. Ihr letzter Aufsatz, ein exquisiter, nur ihr zuzutrauender Beitrag über die Eremiten im Kanton Uri, wurde der Todkranken von Kantonshistoriker Hans Stadler-Planzer druckfrisch vor ihrer Überstellung ins Basler Claraspital überrreicht. Eine späte Genugtuung. Ihre Forschungsergebnisse werden auch dem Jubiläum „600 Jahre Bruder Klaus“ zugutekommen. Die Todesanzeige unterzeichnete Historikerkollege Stadler. Latinität – Spiritualität – Universalität. Drei Tage vor der Vernissage der epochalen „Geschichte des Landes Uri“ vertauschte auch eine Chronistin des Spitalwesens (Lazariter, Deutschritter) am 28. November das Leben mit dem Tode.

Für die öffentliche Verabschiedung mit Beisetzung in einem schlichten Gemeinschaftsgrab wurde der 12. Dezember 2015 festgesetzt. In einer Abdankungskapelle des Basler Friedhofs Hörnli ist es abermals Hans Stadler-Planzer, der die mit der Verstorbenen die wohl beste Mitarbeiterin seines Urner Grossprojektes zu würdigen hat. Als Verfasser dieser Kurzwürdigung berührt es mich schmerzlich, die Niederschrift und Vollendung meines Projektes „Die Mystik in der Schweiz“ für 2017 und später verschoben zu haben. Der sachkundige, auch kritische Rat von Brigitte Degler-Spengler erwies sich für solche Vorhaben nämlich wiederholt als sehr wertvoll, um nicht zu sagen unersetzlich. Dabei schien es mir richtig, sie erst um denselben anzugehen, wenn das Projekt reif genug sei. Unterdessen hat die Gelehrte und Forscherin, welche die kulturelle Katholizität auf wegweisende Art überblickte, auf ihre Weise eine andere und eigene Vollendung gefunden. Zu den besten Weggefährtinnen der Verstorbenen im Zusammenhang mit „Helvetia Sacra“ gehörte die in Freiburg im Uechtland wirkende Gelehrte Petra Zimmer, in Sachen Kenntnis mystischer Quellen jedoch die Biographin von Johannes Tauler, die in der Ostschweiz ohne Internet und ohne Telefon lebende Germanistin Louise Gnädinger. In Sachen Zurückgezogenheit und wissenschaftlicher Demut scheint die um einige Jahre ältere Louise Gnädinger, auch hervorragende Kennerin des Eremitenwesens und von Angelus Silesius, der Verstorbenen in manchem geistesverwandt. Die eine lebte, die andere lebt noch immer einen Katholizismus auf dem Niveau höchster Kultur. Welchen Männern aus dem gegenwärtigen Zeitalter wird man dies wohl noch nachsagen können?

 
 
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