Textatelier
BLOG vom: 13.05.2024

Ein Pater als Helfer von Gehörlosen und Hörbehinderten

Die Geschichte des Pallottinerpaters Willibald Wagenbach SAC

Von Werner Eisenkopf, Runkel/D

 


Willibald Wagenbach mit seinem Buch von 1977, das Kurfürstliche Schloß in Koblenz und ein „rasender“ OPEL-Manta B - Collage W. Eisenkopf
 

Christi Himmelfahrt am 9. Mai 2024

Der deutsche Feiertag Christi Himmelfahrt am 9. Mai 2024, war in weiten Teilen Deutschlands, ein wunderschöner sonniger Tag. Viele Menschen nutzten dies zu Ausflügen auf vielerlei Art. Von Familienausflügen hin bis hin zu den „trinkfreudigen“ Gruppen, die auf Bollerwagen ihre reichlichen Bier-Vorräte mitführten. Auch der Schreiber dieser Zeilen war mit Ehefrau locker und eher „ziellos“ unterwegs, entlang der Lahn und dann am schönen Rhein, im Regionalraum bei Koblenz an Rhein und Mosel.

Irgendwie führte dann ein eigentlich ungeplanter Wegschlenzer zum Städtchen Vallendar. Dies liegt etwas rheinabwärts von Koblenz auf der rechten Rheinseite. Dort befindet sich die Theologische Hochschule und verschiedene kirchliche katholische Einrichtungen. Über kleine schmale Wege, finden Ortskundige aber den Weg hoch zum „Berg Sion“ und zum „Berg Moriah“ von wo mal einen weiten Blick über das Rheintal hinweg hat, bis zu den östlichen Mittelgebirgs-Bergen der Vulkan-Eifel auf der anderen Rheinseite.

Hier in der Abendsonne kamen dann dem Autor die Erinnerungen auf, zu vielen damaligen Autofahrten 1978 an diese Stelle mit seinem damaligen Opel Manta B und einem katholischen Pater auf dem Beifahrersitz, der damit flott nach Koblenz gefahren wurde, wo er kostenlose Kurse gab, zum „Mundablesen“ für Gehörlose und Schwerhörige. Der Autor dieser Zeilen, war damals schon hörgeschädigt, was sich im laufe der Jahre und Jahrzehnte auch noch zusätzlich verschlechterte. Dieser helfende Pater war Willibald Wagenbach SAC gewesen.

Ein Pater darf wegen Gehör nicht Priester werden

Am Folgetag ergab eine Recherche, dass Pater Wagenbach am 12. Dezember 2023 in Limburg/Lahn verstorben war, wo er zuletzt in einem Pflegeheim gelebt hatte. 1927 in Eschhofen bei Limburg geboren, wurde er damit 96 Jahre alt. Der Sohn eines Landwirts musste im letzten Kriegsjahr 1945 noch in den Kriegsdienst, wurde bei einem Bombenangriff verschüttet und damit begannen für ihn dann lebenslange Gehörprobleme mit Tinnitus und dann Ertauben. Wenn die Details dazu näher interessieren, kann dies in den beiden ganz unten verlinkten Seiten der Pallottiner gern ausführlicher nachlesen.

Willibald Wagenbach studierte dann Theologie und wäre gern katholischer Priester geworden aber durfte dies nicht werden. Die damaligen strengen Regeln verboten es, dass ein Schwerhöriger oder gar Gehörloser, überhaupt Pfarrer werden durfte. Damals war noch eine ganz andere Zeit und irgendwie Behinderte, mussten halt selbst sehen, wie sie damit irgendwie klarkamen. Auch der Autor dieser Zeilen, könnte dazu noch Vieles aus eigenem Erleben berichten, was sich die Leute heute gar nicht mehr vorstellen können. Damals war dies aber der normale Behinderten-Alltag in Deutschland.

Nach der erkannten Unmöglichkeit, ein Priester zu werden, trat Willibald Wagenbach denn als Bruder beim Orden der Pallottiner in Limburg an der Lahn (kath. Bischofssitz) ein und übernahm diverse Aufgaben. Nach einem Hörsturz 1972 und erfolgloser Operation, bekam er von einem Arzt den Rat, dann eben „Mundablesen“ zu lernen, um so mit anderen Menschen zu kommunizieren. Dies wurde damals in Frankfurt am Main, in Kursen gelehrt.

Die kostenlosen Mundablese-Kurse

Schon etwas später bekam Willibald Wagenbach eine „Lehrbefähigung“ vom Deutschen Schwerhörigen-Verein und gab dann eigene kostenlose Kurse im Mundablesen. Diese fanden dann auch in den Räumen eines Hörgeräte-Akustikers in der Koblenzer Schloßstraße statt. In der Titelcollage sieht man einen Teil des kurfürstlichen Koblenzer Schlosses, wovor man dafür das Auto parken musste.

Für Geschichts-Interessierte sei dazu noch gesagt, dass in diesem Koblenzer Schloss der Regierungssitz des Kirchenstaates „Kurtrier“ gewesen war, bis französische Revolutionstruppen ab 1794 diese Region besetzten. Bis 1813, also in die Endzeit der Napoleon-Ära, blieb Koblenz dann französisch besetzt. Danach ab dem Wiener Kongress 1815 an, wurde Koblenz preußische Provinzhauptstadt. Heute ist Koblenz Sitz eines von drei Regierungsbezirken im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz.

Diese Mundablese-Kurse waren wegen der begrenzten Räumlichkeiten bei dem freundlichen Koblenzer Akustiker, auf jeweils etwa 20 Teilnehmer beschränkt und dauerten dann einige Wochen lang, mit je einem Unterrichtstag in der Woche, damals dienstags. Über eine Notiz in einer Mitteilung des Deutschen Schwerhörigen-Vereins, bekam der Autor dieser Zeilen erstmals Kenntnis von diesen Kursen und nahm Kontakt mit Willibald Wagenbach auf, mit dann gleich Teilnahme an zwei seiner Kurse und in der Zeit auch freiwilligen Fahrdiensten von Vallendar nach Koblenz zu den Kursen und nachher wieder zurück.

So kam es zu den lustigen Situationen, dass ein Pallottinerpater in der Ordenstracht damals an der Theologischen Hochschule Vallendar, von einem flotten Sportwagen, einem orangen Opel Manta SR (B) abgeholt wurde. Dann recht flott die wenigen Kilometer über Koblenz-Ehrenbreitstein und der Rheinbrücke zum grossen Parkplatz vor dem Schloss gefahren wurde. Nach dem Kurs dann umgekehrt. Diese sportliche „Rally“ erzeugte auch bei Mitbrüdern und Anderen gewisse Heiterkeit. Ansonsten musste Willibald Wagenbach nämlich immer per normalem Linienbus von Vallendar nach Koblenz fahren. So ergab sich eine besondere persönliche Beziehung zwischen „Pater und Manta-Fahrer“ dann über Jahre weiter.

Das Buch von 1977 – nun auch als kostenlose PDF

Willibald Wagenbach verfeinerte Erlerntes zum Mundablesen mit eigenen Details und fasste seine persönliche Art und Weise dazu nachher in einem eigenen Fachbuch 1977 (Erstauflage) zusammen, das mit Spenden finanziert, dann als Paperback herauskam und viele Jahre weiterverkauft wurde. Es ist heute noch in Antiquariaten zu finden. Doch seit 2003 wurde das Buch auch mit einem neuen Vorwort des Autors, als frei herunterladbare PDF-Ausgabe ins Internet gestellt. Der Link ist:
https://www.schwerhoerigen-netz.de/fileadmin/user_upload/dsb/Dokumente/Information/Aus-und_Weiterbildung/Selbsthilfeseminare/Absehen/Wer_nicht_hoeren_kann_muss_absehen.pdf

Wer also von den Leserinnen und Lesern des Textateliers selbst schwerhörig ist, kann sich gern der Hilfe dieses wertvollen Buches, frei und kostenlos bedienen. Damit hilft Pater Willibald Wagenbach, noch über seinen Tod hinaus, Menschen mit Hörbehinderungen und Taubheit.

Episode 1988 in Vallendar und Bezug zur Welschschweiz

Bei einem der Folgetreffen des Autors mit Willibald Wagenbach in der Theologischen Hochschule in Vallendar 1988, wurde amüsiert festgestellt, dass das grosse Schild an seiner Zimmertür/Klausentür mit dem Text „EINTRETEN OHNE ANZUKLOPFEN“ einen bekannten Vorgänger gehabt hatte. Dieses Schild angebracht als Hinweis, damit Besucher nicht aus Höflichkeit und wartend auf ein „Herein“ von einem Ertaubten Bewohner womöglich stundenlang ausharren mussten, hatte schon viele Jahre vorher eine Art Parallele gehabt.

Schon bei Ernst Leitz II (1871-1956) dem Firmeninhaber der Leitz-Werke in Wetzlar an der Lahn (Hessen/Deutschland) mit den allerersten Kleinbildfilm-Fotokameras, stand ein gleicher Spruch auf der Tür seines Arbeitszimmers. Ernst Leitz als ein „Arbeitstier“ wollte seine Tätigkeit von nichts „Unnötigen“ wie „Herein-Sagen“ ablenken lassen. Deswegen hatte jeder Besucher und die Sekretärinnen sowieso, einfach einzutreten. Dort zu warten bis sie die Aufmerksamkeit des Firmenchefs bekamen und dann ihr Begehr loszuwerden. Willibald Wagenbach war da sehr amüsiert über diese, ihm bis dahin unbekannte Parallele des Türschildes. Man stelle sich Solches mal bei heutigen Firmenchefs oder Managern vor. Das ist schier undenkbar.

Bei diesem Treffen war ein damals noch junger Herr mit dabei, aus der Verwandtschaft des Autors, in kath. Ausbildung und mit angestrebter kirchlicher Berufskarriere. Dieser Mann wurde aber auch kein Priester und ging später in die Welschschweiz nach Freiburg/Fribourg, wo er vermutlich heute noch in katholischen kirchlichen (Zivil-)Berufen arbeiten dürfte. Dahin ist der Kontakt aber leider schon lange abgebrochen.

Ausklang

2022 erfuhr der Autor dieser Zeilen durch einen Artikel in der Nassauischen Neuen Presse, einer regionalen Lokalzeitung im Raum Limburg/Lahn und Weilburg, von damaligen 95. Geburtstag von Willibald Wagenbach, den dieser bereits in einem Pflegeheim verbrachte. Dazu brachte die Zeitung dann aber seinen Leserbrief, in dem die ältere Geschichte mit dem damaligen „Pater im flotten Manta“ humorvoll erzählt wurde. Nun aber fand diese Geschichte, auch durch einen eher zufälligen „Schlenzer“ beim Feiertagsausflug Christi Himmelfahrt 2024 ein Ende und hiermit ihren Weg als kleine Erzählung im Textatelier. Von einem liebenswerten und immer positiv denkenden Menschen, der anderen Menschen half.

 

Die detaillierte Geschichte des Paters Willibald Wagenbach SAC:
https://www.pallottiner.org/totenbrief-bruder-willibald-wagenbach-sac/

https://www.pallottiner.org/bruder-willibald-wagenbach-sac/

 

Hinweis auf weitere Blogs von Eisenkopf Werner
ALTES FOTOGERÄT in modernstem Einsatz – B – HASSELBLAD-ZEISS-Objektive
Ein Pater als Helfer von Gehörlosen und Hörbehinderten
„KLIMASCHUTZ“ UND „KLIMANEUTRALITÄT“ SIND NIE ERREICHBAR - Startblick nach Indien
Der neue Kirchen-Teufel 2024 ist BLAU
Deutsche Bauernproteste als Mosaikstein gegen grüne Weltbeglücker
Kommunale Walliser Foto-Stative und Rätsel zur Mischabelgruppe
"65" ist in Deutschland offenbar das neue "42"? HABECK-Heizungs-Science-Fiction?
"KLIMA-PASS" vorgeschlagen - Betrug mit Meeresspiegel als Einwanderungshilfe?
84 Millionen im Klammergriff eines Polit-Clans?
Wird deutsche Politik jetzt zum "GeTWITTERten Comic" ?
Die EU für Schweizer - einmal anders betrachtet (Teil 2)
Die EU für Schweizer - einmal anders betrachtet (Teil 1)
SOCIAL-MEDIA und die Freude an der Nicht-Existenz
KLIMA - Extreme Hitze und Trockenheit gab es bereits oft und schlimmer
Extremhochwasser und Hunderte Tote an der deutschen Ahr - seit 1348 aufgezeichnet